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Schweiz revisited

Man darf es ja eigentlich nicht laut sagen, aber: Die Schweiz ist putzig. Und bemerkenswert ist, dass sie in den vergangenen Jahren nichts an Putzigkeit eingebüßt hat. Während das restliche Europa (die restliche Welt, um genau zu sein) durch zahlreiche Wandel erschüttert und gespalten wurde, bewegt sich der Zeiger von St. Peter mit derselben Gelassenheit über das Ziffernblatt der größten Turmuhr Europas wie eh und je.
Ich war, anders als die Turmuhr, durch die Pandemie aus dem Takt meiner regelmäßigen Besuche geraten und in diesem Sommer zum ersten Mal wieder in Zürich.
Nichts hatte sich verändert. Also fast nichts. In der Innenstadt haben große langweilige Filialgeschäfte großer langweiliger Ketten eine Reihe alteingesessener Boutiquen verdrängt. Vor zwei Jahren wurden die Banknoten getauscht und durch plastikähnliche Scheine ersetzt, die mich stark an das Papiergeld meiner alten Kinderpost erinnern. Die Kirchturmuhr vor unserem Hotel darf gemäß der neuen Läutordnung zwischen Mitternacht und sieben Uhr morgens nicht mehr läuten, was einerseits der Nachtruhe dienlich, aber andererseits doch ziemlich schade ist.
Von diesen drei Änderungen abgesehen ist die Schweiz jedoch exakt dieselbe alte Schweiz wie vor Corona und wie 1998, als ich in Zürich meine erste Stelle antrat, und vermutlich auch wie zur Zeit des Rütlischwurs. Schweiz-Fahnen wehen stolz in jeder Gasse und auf jeder Alm, und der Himmel ist so blau, dass sich das Rot der Fahne (Pantone 485 C / 485 U gemäß Wappenschutzgesetz) perfekt gegen das Blau des Himmels absetzt. Man geht bei Grün über die Ampel und mit 64 in Rente. Und ist unverändert stolz auf alles, was die Schweiz zu bieten hat und besser kann als alle anderen, Uhren, Schokolade, Taschenmesser, Waffen, Berge, Banken, Roger Federer und die Bratwurst am Vorderen Sternen.
Weniger stolz ist man auf die Sprache, weil genau sie – in Kombination mit der unfassbaren Ordnung im Inneren wie im Äußeren (die Gehwege! die Pünktlichkeit der Bahnen und Trams! das fluoridierte Trinkwasser, das vor Karies schützt!), kurzum: mit der gesamten Miniaturwunderlandhaftigkeit – dafür verantwortlich ist, dass wir arroganten, schnöseligen Deutschnachbarn dieses Pantone-rote Barbieland so putzig finden. Nastüechli, Serviertochter, Trottinett, wie goldig! Wir können gar nicht genug bekommen von diesen lustigen Wörtern, die uns an gemütliche Emil-Abende vor dem Fernseher erinnern und an Skiurlaube und Käsefondue, aber niemals an das echte Leben.
Als ich am Vorabend unserer Abreise an der Limmat stehe, die in spätsommerlich warmes Licht getaucht ist, und außer dem feierlichen Glockengeläut vom Grossmünster nur wenig zu hören ist, denke ich plötzlich, dass vielleicht gar nicht so viel verkehrt ist an diesem sehr neutralen Frieden. Ich vermisse nichts. Weder Lärm noch Hochdeutsch und schon gar keine Nachrichten vom Weltuntergang. Ob mit dem Geld meiner alten Kinderpost eine kleine Wohnung zu haben wäre, irgendwo hier zwischen Limmat und See? So fürs Alter zum Beispiel? Aber wahrscheinlich bin ich von zu viel Putzigkeit und Schoggi gerade auch einfach nicht ganz dicht im Oberstüübli.

> FAZ, 05.11.2023