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Niemals ist alles erledigt

Kaum habe ich das Notebook aufgeklappt, höre ich hinter mir das Tapsen auf dem Holzboden. Wenige Sekunden später taucht die schwarze feuchte Nase neben meinem rechten Ellbogen auf und beschnuppert den Schreibtischrand. Dann stupst sie mich an. Was will er? Reden? Spielen? Futter? Muss er raus? Wir kennen uns erst seit ein paar Monaten, und auch wenn sich unsere Kommunikation in dieser Zeit erheblich verbessert hat, verstehe ich ihn nicht immer. Und er mich nicht. Ich schaue ihn an. Musst du raus, frage ich ihn freundlich. Keine Antwort. Ich wende mich wieder dem Bildschirm zu. Zweimal noch stupst er mich an, dann lässt er sich mit der Grazie eines namibischen Flusspferds neben mir auf den Boden fallen und beginnt leise zu schnaufen.
Jetzt. Jetzt kann ich arbeiten. Vielleicht aber schnell noch das Postfach checken? Ach, und das Bewerbungsschreiben von Nuri da, das sollte ich rasch korrigieren, dann ist es weg. Es ist immer gut, wenn die kleinen Dinge schon mal weg sind. Wenn Postfach und Schreibtisch aufgeräumt sind. Wie soll man denn klar denken, wenn überall das Unerledigte lauert und mit dem Finger auf einen zeigt? Auch wenn mir natürlich klar ist, dass niemals alles erledigt ist.
Oh, eine Push-Nachricht. Wie bitte, in Barcelona wird das Ende des Corona-Notstands gefeiert? Von zigtausend Menschen, die meisten ohne Maske? Sind die noch ganz dicht? Egal jetzt, ich muss arbeiten, sollen die anderen ruhig tanzen und sich infizieren, ich kann es ja doch nicht ändern. Als ich die Nachrichtenseite schließe, auf die mich die Push-Meldung automatisch geleitet hat, sehe ich am unteren Bildschirmrand des Handys in einem kleinen roten Kreis die Ziffer zwei. Zwei verpasste Anrufe. Merkwürdig, um diese Zeit, gleich zweimal hintereinander? Unbekannte Nummer, auch das noch. Da rufe ich nicht zurück, auf keinen Fall. Aber wer das wohl sein könnte? Und wenn es doch etwas Wichtiges ist? Unbekannte und, schlimmer noch, unterdrückte Nummern kann ich nicht ausstehen, die machen mir Angst, wobei, das sind ja fast nur noch sehr alte Verwandte, die mit unterdrückten Nummern anrufen, ach so, oder diese dänische Literaturagentin von neulich, aber warum sollte die mich anrufen, an einem Samstag?
Der Hund liegt da und schmatzt. Machen alle Hunde so viele Geräusche? Der Dackel meiner Kindheit hat, wenn er nicht gerade Jagd auf Füchse oder Fußgänger machte, stundenlang zusammengerollt auf einem Fleckchen gelegen und nicht mit der Wimper gezuckt. Aber dieses Tier hier! Dieses Tier schnauft, schmatzt, seufzt, es dreht, streckt, wälzt und räkelt sich, selbst im Schlaf ist es laut und unruhig wie eine Waschmaschine, hat das etwas zu bedeuten? Und dass es dauernd Hunger hat, obwohl es dreimal am Tag gefüttert wird wie ein Welpe? Darüber sollte ich vielleicht schnell etwas lesen, aber apropos lesen, ich müsste auch diese zwei Manuskripte lesen, die seit letzter Woche hier liegen, und außerdem den Essayband über schreibende Frauen, von meinem immer größer werdenden Stapel ungelesener Bücher ganz zu schweigen, bald wird er kippen, wie schaffen andere das eigentlich, lesen, arbeiten, produktiv sein, Sport machen, Körperpflege betreiben, ordentlich essen, ausreichend schlafen, mit den Freundinnen und dem Vater telefonieren, E-Mails beantworten, Bettwäsche wechseln, Kopfkissen waschen, Duschkopf entkalken, Nachrichten und den Instagram-Feed lesen, einkaufen und zur Zahnreinigung gehen? Sind die anderen effizienter, machen sie weniger oder hat ihr Tag mehr Stunden als meiner?
Meiner hat definitiv zu wenig Stunden, und ich würde das Abo gern aufstocken, aber wie? Natürlich, über den Instagram-Feed könnte man reden, und der Duschkopf muss auch nicht ständig entkalkt werden. Aber auch ohne Entkalken wird die Zeit nicht reichen. Es ist zum Verzweifeln. In der Verzweiflung greife ich zum Handy, als könnte dort die Lösung liegen. Doch statt der Lösung finden sich nur weitere Nachrichten. WhatsApps. E-Mails. Kalendererinnerungen. Und Quizduell, Hilfe, meine Runde gegen Leo läuft in einer Stunde ab? Wenn ich jetzt nicht sofort spiele, werde ich das vergessen (und verlieren). Natürlich, er hat die Kategorie Computerspiele gewählt, welcher Mensch soll bitte wissen, welches Adventure NICHT zur Myst-Serie gehört? Soll das ein Witz sein? Ich tippe auf B, und natürlich ist B falsch. (Richtig ist A: Ubu.) Warte nur, lieber Leo, gleich kommt Kunst & Kultur, wirst schon sehen, ich krieg dich noch.
Während ich zufrieden beantworte, welcher Schriftsteller mit einem Hummer an der Leine durch London spazierte (D: Oscar Wilde), erhebt sich der Hund umständlich wie ein Kalb und stellt sich neben mich. Wieder stupst er mich an, diesmal kräftiger als beim ersten Mal. Ich schaue ihn an. Er schaut zurück mit einem Blick, der ihm zweifellos die Weltherrschaft sichern könnte. Mein Widerstand zerbricht, alle Absichten werden hinfällig, und ich kraule ihm sanft das Ohr. Okay. Verstanden. Wir gehen jetzt raus. Unruhe bei Junghunden kann ich auch später noch googeln. Und arbeiten auch.
Obwohl dann vielleicht zuerst ein kleiner Mittagsschlaf dran wäre.
Wir schauen mal.

> FAZ, 18.05.2021