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Im Rausch des Meeres

Seit ein paar Jahren haben wir ein kleines Häuschen am Atlantik, ich nenne es unser „outer office“, denn auch hier sitzen wir die meiste Zeit an unseren Schreibtischen, aber immerhin: mit dem Meer direkt vor der Nase. Das war damals, bei der Suche, die Conditio sine qua non. Das Haus durfte alt und verfallen sein (war es dann auch), aber es musste direkt am Meer liegen, ohne Straße oder ein anderes Haus dazwischen und vor allem so, dass man die Brandung hören konnte.
Davon träumte vor allem mein Mann. „Pieds dans l’eau“ ist die Formulierung, nach der man bei der Suche Ausschau halten muss, was auf französisch einzigartige Weise bildhaft ist: Man wohnt so nah am Meer, dass man die Füße quasi bereits im Wasser hat. Inzwischen würde ich so weit gehen zu sagen, dass sich eine ganze Lebenshaltung hinter dem Ausdruck verbirgt, denn die Franzosen haben ihre nackten Füße grundsätzlich und zu jeder Jahres- und Tageszeit gern im Wasser: zum Schneckensuchen, Schwimmen, Surfen und Spazierengehen. Und während das Wetter eine Rolle zu spielen scheint, gilt dies eindeutig nicht für die Wassertemperatur.
Also jedenfalls fanden wir dieses Häuschen, in einem Februar zogen wir ein, es war die Zeit der Winterstürme, und der Atlantik tobte gewaltig. Große Wellen klatschten gegen das Ufer und die Felsen, es war ein herrliches Getöse. Erschöpft und glücklich schmiss ich mich am ersten Abend in die Kissen, rief Juhu und schlief ein. Ich schlief so tief, dass ich nicht mitbekam, dass mein Mann neben mir nicht sehr tief schlief. Um genau zu sein, schlief er gar nicht.
Meeresrauschen kann mit bis zu 100 Dezibel sehr laut sein, zum Vergleich: So viel Lärm macht ein Presslufthammer in zehn Meter Entfernung, und der Dauerschallpegel an einer Hauptverkehrsstraße liegt nachts bei etwa 65 Dezibel. Zu dem Phänomen, warum Menschen selbst lautes Meeresrauschen – oder auch Vogelgezwitscher, Naturgeräusche überhaupt – als angenehm empfinden und sogar zur Stressreduktion nutzen können, gibt es zahlreiche Untersuchungen und Studien. Aber gibt es auch Studien darüber, warum das Gehirn mancher Menschen völlig unberührt bleibt vom Rauschen der Natur – oder, im Gegenteil, sogar arg aufgewühlt wird, wie die schäumende See eben?
Am folgenden Morgen fiel mir auf, dass mein Mann gerädert wirkte. Ich nahm an, dass ihm Gedanken an die Arbeit nächtliche Unruhe beschert hatten, wie so oft. „Dieses Meer!“, rief er verzweifelt. Überrascht sah ich ihn an. „Es ist so scheißelaut!“ Obwohl ich den Ernst der Lage erkannte, musste ich lachen. Acht geschlagene Jahre hatte seine Suche gedauert, nichts hatte er sich sehnlicher gewünscht, als zu den Klängen des Wellenrauschens einzuschlafen. Und jetzt war das Meer – zu laut? Ungewollt ging mir der bescheuerte Spruch mit den Wünschen durch den Kopf (mit denen man vorsichtig sein soll, weil sie in Erfüllung gehen könnten), aber dann fiel mir prompt die Sache mit den Wildlederpumps von Louboutin ein, mit denen ich am Ende keine hundert Meter weit kam, und ich wurde leise.
Inzwischen sind ein paar Jahre vergangen. Auch für die Fähigkeit des Menschen, sich an Lärm zu gewöhnen, gibt es sicherlich eine neurologische Erklärung, wobei – auf einer Seite des Bettes befindet sich immer noch ein Paar gelber Ohrstöpsel. Für alle Fälle: Wind aus Osten, Westen, Südwest, Nordwest oder Südost, Sturm, Springflut, Flut überhaupt.

> FAZ, 14.05.23