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Hast du schon Feldenkrais probiert?

Ob uns klar sei, dass man Frustrationstoleranz trainieren müsse. Dass man den Rückruf am besten übe, indem man sich vom Hund entferne. Dass es normal und in Ordnung sei, wenn ein älteres Tier dem jüngeren „mal ordentlich Bescheid gibt“: Die schiere Menge der Tipps, die wir damals während unserer ersten Hundespaziergänge erhielten, war beachtlich. Unser Hund war, genau wie unsere Erfahrung mit ihm, erst wenige Monate alt und unsere Unsicherheit entsprechend groß, was die selbst ernannten Rütters dieser Welt rochen wie der Hund das Mett auf der Küchenanrichte, und ihre Ratschläge erfolgten zu hundert Prozent ungefragt.

An die Erfahrungen auf der Hundewiese musste ich denken, als ich vor zwei Jahren größere Probleme mit dem Rücken bekam. Jetzt ging es nicht um Frustrationstoleranz (oder fast nicht), sondern um die besten Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten. Unterschiedliche Ärzte rieten mir zu unterschiedlichen Heilverfahren, von Schmerzmitteln und Physiotherapie über PRT-Spritzen bis hin zur Operation. Natürlich zuckte nicht nur ich selbst bei dem Wort Operation, sondern auch mein Umfeld, und weil fast alle irgendwann schon einmal Probleme mit dem Rücken hatten, erhielt ich Tipps aus allen Richtungen. Osteopathie, Akupunktur, Feldenkrais, Pilates, CBD-Öl, ABC-Pflaster, Fango, sowieso: Wärme, Ingwer, Arnika, Globuli, Krafttraining, Tapes, Magnetfeldtherapie, Bioresonanztherapie, Psychotherapie, Korsett, Schuheinlagen, Stehpult. Sogar ein Heiler wurde mir empfohlen. Die Tipps waren lieb, aber sie machten mich wahnsinnig. Was soll man auswählen von der unüberschaubaren Menükarte mit Tipps, wie viel Zeit und Geld möchte man investieren, wem vertrauen? Und wie riskant ist es, bestimmte Dinge nicht auszuprobieren?

Am liebsten hätte ich irgendwann überhaupt nicht mehr über den Rücken gesprochen, mit niemandem, außer vielleicht, damit mir jemand mitfühlend über den Kopf streicht oder einfach nur „oje“ sagt, aber Oje-Sagen scheint ein bisschen out im Zeitalter der Internetheilkunde und des allgemeinen Oversharing, ich merke es ja an mir selbst. Kaum war mein Rücken wieder halbwegs stabil, teilte ich mein neu gewonnenes Wissen und meine Erfahrung großzügig mit allen anderen, die über Rückenprobleme klagten. So wie ich übrigens auch gern Auskunft gebe zu Migräne, Job- und Haarkrise oder unverlangt eingesandten Manuskripten (auf all diesen Gebieten bin ich ausgewiesene Spezialistin). Im Grunde würde ich gern auch sämtliche jugendlichen Verwandten davon überzeugen, dass es nichts Schöneres und Sinnvolleres gibt, als Sprach- und Literaturwissenschaften zu studieren. Ich würde ihnen gern sagen, dass sie unbedingt an die Liebe glauben und nie in Beziehungen verharren sollen, die ihnen nicht guttun. Dass sie viel lesen, Zahnseide benutzen, der KI nicht vertrauen, mit Sport nicht übertreiben und sich in Krisen daran erinnern sollen, dass der Status quo in drei Monaten ein völlig anderer sein wird. (Hoffentlich lesen sie das hier.)

Nur – warum? Was ist das nur mit der ganzen wilden Tippgeberei?

Die naheliegende und sehr menschliche Antwort ist: Wir möchten anderen helfen. Als Grundlage für jede freundliche Hilfestellung dient in der Regel unsere eigene Erfahrung, die Schwierigkeit jedoch ist: Wir wissen einfach nicht, was anderen guttut. Das, was mir geholfen hat, muss einem anderen Menschen nicht unbedingt auf die gleiche Weise helfen. Oft wissen wir nicht einmal, welcher Gestalt das Problem des anderen ist, denn abgesehen von Sonnenbrand oder Schnittwunde sind die meisten Sachen vielschichtig und kompliziert, sei es die Bandscheibe, der Tinnitus oder die erhöhte Reaktivität des Labradors, von Traumata oder ME/CFS ganz zu schweigen.

Ein weiterer (und nicht so angenehm einzugestehender) Haken: Unser Impuls zu helfen ist nicht immer nur edel. Die Tippgeberei erhöht den Tippgeber – er oder sie zeigt sich wissend und großzügig, während der Tippnehmer oft vor allem eines ist, nämlich angestrengt. Studien haben gezeigt, dass unerbetene Ratschläge Beziehungen eher schaden als nützen, denn nicht selten werden sie, so erklärt es die US-amerikanische Psychologin Alexandra Solomon, als Grenzüberschreitung oder sogar -verletzung empfunden. Die Folge ist innere Abwehr, die den Schuss tendenziell nach hinten losgehen lässt, ganz nach dem Motto: Du wirst schon sehen, dass ich es auch anders hinkriege.

Anders verhält es sich den Studien (sowie dem eigenen Gefühl) zufolge mit Ratschlägen, die ausdrücklich erwünscht sind: Sie werden von den Empfängern geschätzt und als wertvoll empfunden. Was daraus folgt, liegt auf der Hand. Wir sollten, auch wenn es uns manchmal schwerfällt und allen in Social-Media-Kommentarspalten, Chatgruppen und Foren erlernten Verhaltensweisen widerspricht, vor allem erst einmal zuhören. Innehalten. Verständnis zeigen, übers Köpfchen streichen. Dann vielleicht fragen, ob die andere Person gern unseren Rat hören möchte. Oder, dazu rät Richard Larrick, Professor für Management und Organisation an der Duke University, sie zu einer Art Brainstorming darüber animieren, was sie tun könnte – anstatt ihr direkt zu sagen, was sie tun sollte.

Einer unserer jüngeren Verwandten bereitet sich derzeit auf eine schwierige Prüfung vor. Sein Wunsch, diese Prüfung zu bestehen, ist groß, seine Selbstdisziplin hingegen mau. Als mein Mann ihn kürzlich fragte, ob er seinen Rat hören wolle, war die Antwort knapp und klar: Nein. Ich war sehr stolz – auf beide.

Auch ich werde in Zukunft häufiger fragen, bevor ich zu gut gemeinten Ratschlägen aushole, obwohl! Diesen einen möchte ich ungefragt noch loswerden: Lassen Sie sich auf der Hundewiese nichts sagen, von niemandem.

> F.A.Z., 06.01.2026