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Gefühlte Teigtaschen

Im Verlag heißt es, ich hätte einen Fetisch: Anführungszeichen. Die Kollegen lachen über mich, und ich kann es nicht leugnen, ich bin fixiert auf Anführungszeichen. Andere drehen durch, wenn Marco Reus einen Elfmeter verschießt. Ich drehe durch, wenn ich in einem Text unterschiedliche Arten von Anführungszeichen entdecke. Oder wenn die richtigen Anführungszeichen in die falsche Richtung zeigen oder wenn sich in einem Zitat, das bereits in Anführungszeichen steht, doppelte statt einfache Anführungszeichen finden.
Von Wörtern, die unnötigerweise in Anführungszeichen gesetzt werden, will ich gar nicht erst anfangen, vielleicht nur so viel: Als ich mich kürzlich bei Instagram angemeldet habe, war der allererste von mir abonnierte Kanal „awkward_anführungszeichen“. Den gibt es wirklich, und die tröstlich hohe Zahl seiner Abonnenten zeigt, dass ich nicht allein bin mit meinem Fetisch. (Sollte ich „Fetisch“ sagen?) Aber in Wahrheit ist es noch schlimmer, das ahnen die Kolleginnen überhaupt nicht (bis auf zwei vielleicht). Mir springen nicht nur Anführungszeichen ins Auge, mir springt eigentlich alles ins Auge, was mit Schrift zu tun hat. Ich lese zwanghaft Korrektur. Schilder, Plakate, Rezepte, Graffiti, alles wird gescannt. Impressen. Beipackzettel. Abspanne. Todesanzeigen. Speisekarten.
Als mir vor vielen Jahren in der Zürcher Bar „Corazon“ ein überraschender Deal angeboten wurde – Korrekturlesen der Karte gegen Freigetränke –, war ich begeistert. Heute hingegen würde ich in keiner Kneipe mehr den Mund aufmachen und die Schreibweise von „Pfefferminz Tee“ oder „Foccachia“ monieren, denn inzwischen weiß ich, dass ich eigentlich die Pest bin. Gegen die Besserwisserei anderer allergisch sein, sie aber gleichzeitig mit der Nase auf Fehler stoßen, die unterm Strich völlig bedeutungslos sind? Welche Relevanz hat ein fehlendes p in Cappuccino, ein überflüssiges p in Schnaps oder ein falsch gesetztes Anführungszeichen?
Nun gut, vielleicht geraten Menschen hier und da in Verwirrung, wenn sie lesen: „Geeignet zur ,Desinfektion‘“ oder „Hier sind Sie ,herzlich‘ willkommen“. Auch die „gefühlten Teigtaschen“, die ich vor einiger Zeit bei einem Hamburger Italiener entdeckte, ziehen vielleicht nicht direkt eine Bestellung nach sich. Aber der Schaden ist vermutlich geringer als, sagen wir, bei einem verschossenen Elfmeter von Reus.
Demut beschert hat mir meine eigene Fehlbarkeit, die mir mit zwanzig eventuell noch nicht so klar war wie heute. Ich habe Kommas und falsche Trennungen übersehen, wiederholt „hinüber“ und „herüber“ verwechselt, und heißt es jetzt der Krake oder die? In einer besonders edlen und teuren Strindberg-Ausgabe verantworte ich im Anhang die „Amerkungen“ – ohne n. Und wenn wir schon dabei sind: Ich habe in meiner Laufbahn als Lektorin nicht nur einzelne Buchstaben übersehen, sondern ganze Bestseller (auch wenn ich zumindest in einem Fall der Ablehnung im Rückblick doch zufrieden bin mit meiner Entscheidung, wenngleich der Verlag es damals ganz sicher nicht war). Berufskrankheit und Berufsrisiko liegen sehr oft nah beieinander. Aber Schwamm drüber. Nobody is „perfect“.

> FAZ, 06.08.2020