Der Wintereinbruch
Dreihundertsiebenundzwanzig Kilometer bis Bayeux. Ankunft um 20:36 Uhr mit 47%, so steht es auf dem Display. Noch einmal dem Meer winken, das aufgewühlt ist von den letzten Windstößen eines winterlichen Sturmtiefs, Sonne und Wolken jagen im Wechsel über die schäumenden Wellen. Die Straßen sind leer, gemütlich rollt der Wagen Richtung Norden. Bis kurz hinter Rennes. Hinter Rennes ist es vorbei mit dem gemütlichen Fahren, denn auf einmal sind blinkende Lichter zu sehen, eilig aufgestellte Umleitungsschilder, Polizeiautos, die vor Autobahnauffahrten stehen und – ein bisschen Schnee. Wir googeln: unerwarteter Wintereinbruch in Nordfrankreich, zahlreiche Unfälle und umgekippte LKW, Autobahnen gesperrt. Auch unser Auto scheint gegoogelt zu haben, aber im Unterschied zu uns trifft es in Sekundenschnelle eine Entscheidung und ändert ungefragt die Routenführung. Statt über Autobahnen führt es uns auf Landstraßen und von dort auf immer kleiner und enger werdende Nebenstraßen – Sträßchen, um genau zu sein, denn die meisten sind winzig. Glatt und ungeräumt sind sie obendrein, die Schneemengen nehmen zu, ebenso wie der Abstand zwischen den ebenfalls immer kleiner werdenden Ortschaften. Was, frage ich mich, wenn wir hier im Graben landen? Gefühlte tausend Kilometer entfernt von jeder Zivilisation und Ladestation? Längst ist es dunkel. Irgendwann fängt es an zu schneien, und als es wieder aufhört zu schneien, kommt Nebel auf, in dichten Schwaden zieht er durch die milchig-schwachen Lichtkegel unserer Scheinwerfer. Das, was man an der Normandie im Sommer und bei Tageslicht liebt – die Großzügigkeit der Landschaft, die Weite, die Leere, die Abwesenheit von Menschen und Verkehr – verwandelt sich an diesem Winterabend in einen wahren Rocky Horror Picture Show-Moment, und ich beginne, auf die Selbstermächtigung des Fahrzeugs zu fluchen.
Keine Frage, GPS-basierte Routenführung war und ist eine Revolution, nicht nur für Menschen mit schwach ausgeprägtem Orientierungssinn (die soll es geben). Aber dass das Navi uns ungefragt in die größte, schwärzeste Einsamkeit der französischen Walachei lotst, finde ich eine Unverschämtheit. Falls ich das hier überlebe, schwöre ich mir, werde ich selbst wieder die Kontrolle übernehmen, werde mich wappnen mit Kompass, Falkplänen, Michelin- sowie ADAC-Atlas (den gibt es doch noch?), und übrigens werde ich auch wieder Überweisungsträger ausfüllen, Zeitungen auf Papier lesen und Arzttermine telefonisch machen. Raus aus der digitalen Abhängigkeit, für immer! Instagram lösche ich gleich mit!
Doch noch ist mein Befreiungsmoment nicht gekommen. Noch schleichen wir mit 20 km/h weiter Richtung Norden. Von rechts und links wippen Tannenzweige ins Bild, die sich unter der Last des Schnees biegen, denn in einer Art langsamem Crescendo haben Schneefall und Nebel noch einmal zugenommen.
Als wir uns der normannischen Küste nähern, wird es endlich wärmer, der Schnee geht in Regen über, fast atmen wir auf, da meldet sich die Stimme von Miss Google Maps zurück. „Bitte wenden“, sagt sie ungerührt. Der Grund liegt in der Dunkelheit sowohl hör- als auch sichtbar direkt vor uns: Hier, keine zwei Kilometer vom Hotel entfernt, hat sich ein reißender Sturzbach seinen Weg quer über die Straße gebahnt. Doch diese letzte Hürde ist nur die Kür, pirouettengleich U-turnen wir zurück, machen einen klitzekleinen Umweg und – erreichen den Zielort. Es ist 21:17 Uhr, der Wagen hat 41%, die Frisur sitzt. I love GPS-basierte Routenführung, hatte ich schon gesagt?