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Danke für den Moment

In Zeiten aufgeregter Berichterstattung (also neuerdings eigentlich immer) ist in den Nachrichtensendungen immer öfter ein Ausdruck zu hören, der in meinem Innern stets von Marietta Slomka gesprochen wird. Ihre ernste Stimme höre ich, wenn es heißt: Danke für den Moment. Unweigerlich fühle ich mich an Konfirmandenfreizeiten erinnert, bei denen wir zur Gitarre von Pastor Mohn, die er mit hingebungsvoller Inbrunst zupfte, „Danke für diesen schönen Morgen“ singen mussten, oder auch an meine dänische Freundin, die zu Unizeiten, wenn es wieder einmal spät geworden war und sie bei mir übernachtet hatte, morgens im Gehen durchs Treppenhaus rief: „Und danke für heute Nacht!“ Das aber meint Marietta Slomka nicht, wenn sie sagt: Danke für den Moment. Sondern sie meint „einstweilen“, weil es nach einer kurzen Pause weitergeht mit der aufgeregten Berichterstattung und sie den Zuschauern einstweilen für ihre Aufmerksamkeit danken möchte.
Als Anglistin habe ich gar nichts gegen Anglizismen, im Gegenteil, die englische Sprache hat uns wunderbare und unverzichtbare Wörter und Wendungen geschenkt, wo wären wir ohne Toaster, Beat und Jetlag? Im Unterschied zu vielen Puristen bin ich sogar der Meinung, dass wir ruhig noch viel mehr Wörter entlehnen könnten, weil das Englische oft so unübertroffen schön und präzise oder auch lustig ist, und so habe ich über die Jahre versucht, unauffällig weitere Wörter ins Deutsche zu schmuggeln. Mit fragwürdigem Erfolg natürlich, und meine Umwelt reagiert mitunter auch gereizt, wenn ich schon wieder meinen „sweet tooth“ erwähne (der sich eben nicht mit „süßer Zahn“ übersetzen lässt) oder die Welt als „topsy-turvy“ (auf dem Kopf stehend) empfinde. (Mit „flabbergasted“ für verblüfft oder „hullabaloo“ für Tumult habe ich es gar nicht erst versucht.)
Verstehe ich auch, die Gereiztheit, denn oft genug ist es ja nicht der Spaß an der Sprache, der Menschen von „business related content“ sprechen oder die Anglizismen der Jugend übernehmen lässt, sodass sie einen Auftrag „nice“ und das Verhalten der Geschäftsführerin etwas „cringe“ (peinlich) finden, sondern pures Anbiedern oder Gehuber. („Im Debriefing nach dem Kunden-Kickoff wurde deutlich, dass wir die Risk-Management-Einschätzung im Sales-Delivery-Handover reviewen sollten“, zitierte mein Bruder kürzlich einen Kollegen.)
Darauf reagiere umgekehrt ich wahnsinnig gereizt, fast so sehr wie auf slomkamäßig falsche Lehnübersetzungen: Danke für den Moment („Thank you for now“). Oder: Die Koalitionsverhandlungen sind einmal mehr gescheitert (statt „ein weiteres Mal“ für „once more“). Die großen Aufregungen in 2021 (statt im Jahr 2021 oder nur 2021). Es ist eben auch ein Unterschied, ob man etwas ordentlich und mit gutem Grund ausleiht oder falsch und unnötigerweise übersetzt. Mit Letzterem bin ich, ich kann es nicht anders sagen, ganz und gar nicht fein.

> FAZ, 09.02.2022