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„Bei jedem Schreibprozess überkommen mich diese überdramatischen Zustände, in denen ich meine Freundin heulend anrufe und sage: ‚Diesmal schaffe ich es wirklich nicht.‘“

Meike Werkmeister, Schriftstellerin

Wie sieht ein normaler oder idealer Arbeitstag für dich aus, was für einen Rhythmus hast du?
Ich brauche Struktur, um produktiv zu sein, daher haben meine Tage einen festen Rhythmus. Direkt nach dem Aufstehen gehe ich eine kurze Runde mit unserem Hund und frühstücke mit meinem Sohn. Sobald er zur Schule aufgebrochen ist, setze ich mich mit einem Kaffee an den Rechner. Ich schreibe von circa 8 bis 11 Uhr. Darauf folgt ein längerer Hundespaziergang, wobei ich oft auf neue Ideen komme. Danach rolle ich die Yogamatte im Schlafzimmer aus und bewege mich etwas, weil ich sonst vom vielen Sitzen Rückenschmerzen bekomme. Nach dem Mittagessen mache ich „Ablage“ – sprich, Bahntickets für Lesungen buchen, Lesungen vorbereiten, E-Mails beantworten, Rechnungen bezahlen/schreiben, Social Media, eventuell noch etwas von dem redigieren, was ich morgens geschrieben habe – so lange, bis mein Sohn von der Schule kommt.

 

Kannst du sagen, wie viele Stunden pro Tag du im Durchschnitt netto arbeitest (schreibst, malst, übst)? Wie viel kommt im besten Fall dabei heraus (zwei Seiten, eine Skizze, zwanzig Takte)?
Meine reine Schreibzeit dauert vermutlich nie länger als drei Stunden täglich. Das Ergebnis ist sehr unterschiedlich. Es kann alles dabei herauskommen von zwei bis zwanzig Seiten. Selbst an Tagen, an denen es gar nicht läuft, versuche ich, wenigstens eine kurze Szene zu schaffen. Aus Erfahrung weiß ich, wie entscheidend diese Zeilen am Ende im Wettlauf gegen die Deadline sein können. Und dass ich beim Überarbeiten eine Woche später oft überrascht bin, weil sie besser sind, als ich in dem Moment dachte.

 

Wie viele Stunden kommen durchschnittlich hinzu für „Hintergrundarbeiten“ und alles andere (Recherchen, Bürokram, Akquise, Website, Social Media)? Wie findest du die Balance zwischen all den Aufgaben, die du als freischaffende:r Künstler:in im Blick behalten musst?
Ich schätze, ich brauche genauso viel Zeit für die „Hintergrundarbeiten“ wie für das Schreiben selbst, also täglich weitere zwei bis drei Stunden. Leider hasse ich alles, was mit Bürokratie zu tun hat. Wenn ich vor dem Schreiben schon Termine beim Amt machen oder Formulare ausfüllen muss, kann es sein, dass ich in den nächsten Stunden kein Wort mehr schaffe, weil es mir so die Laune verdirbt. Ich versuche, diese Aufgaben in den späteren Teil des Tages zu legen, in dem ich ohnehin weniger kreativ bin. Zu den unliebsameren Nebenaufgaben in meinem Job gehört für mich auch Social Media. Nicht falsch verstehen – ich liebe es, mich über Instagram oder Facebook mit meinen Leser*innen austauschen zu können. Aber es steckt auch viel Mühe dahinter, seine Bücher online durch Posts und Videos selbst zu vermarkten. Ich schaffe es weder zeitlich noch mental noch technisch, das so umfassend zu tun wie es für den Algorithmus ideal wäre.

 

Gibt es Wochenenden für dich? Was bedeutet Freizeit?
Ich versuche, an den Wochenenden nicht zu arbeiten, sondern mit meiner Familie Ausflüge zu machen, nett zu kochen oder essen zu gehen, auf dem Sofa zu lesen. Nur kurz vor Abgabe setze ich mich auch an Samstagen oder Sonntagen an meinen Text. Längere Pausen gönne ich mir selten, sogar im Urlaub schreibe ich an den meisten Tagen zumindest ein, zwei Stunden. Zum einen brauche ich die Zeit, denn ich veröffentliche momentan einen Roman pro Jahr, was ich als sportlich empfinde. Zum anderen weiß ich aus Erfahrung, dass ich sonst schnell die Verbindung zu meinem Manuskript verliere und nach der Auszeit quasi von vorn anfange. Ich kann Freizeit daher am besten genießen, wenn sie auch ein bisschen produktiv ist. Meine Geschichte arbeitet sowieso die ganze Zeit in mir weiter.

 

Was ist die größte Gefahr für dein künstlerisches Schaffen, wovon lässt du dich ablenken?
Eine große Gefahr für mein Schreiben ist mein Handy. Ich kann stundenlang im Internet herumscrollen und mir Video-Snippets von den Hauptdarsteller*innen meiner neuen Lieblingsserie anschauen. Eine weitere Gefahr ist die Veröffentlichung eines neuen Buches. Meine Romane erscheinen jedes Jahr im April/Mai. Zu diesem Zeitpunkt stecke ich schon mitten im nächsten Projekt und müsste eigentlich daran weiterschreiben, denn im Herbst muss ich es abgeben. Mit dem Erstverkaufstag gehen aber viele Termine und externe Verpflichtungen einher, die meine Tagesstruktur durcheinanderbringen. Dann muss ich zum Beispiel Interviewanfragen bearbeiten, deutlich mehr Social Media-Inhalte produzieren als sonst, Lesereisen vorbereiten und für Lesungen unterwegs sein. Ich liebe diese aufregende Phase, aber sie kostet viel Kraft, die mir in diesen Wochen zum Schreiben fehlt.

 

Hast du Strategien, um dich vor Ablenkungen zu schützen?
Leider nein. Manchmal versuche ich mich zu überlisten, indem ich mir vornehme, eine bestimme Anzahl an Seiten zu schreiben, bevor ich wieder zu meinem Handy greife oder einer Kollegin texte, wie es bei ihr heute läuft. Klappt aber eher selten.

 

Wie sieht deine Arbeitsumgebung aus, was ist essenziell für dich? Brauchst du zum Beispiel absolute Stille – und wenn ja, wo und wie findest du sie?
Ich habe ein kleines Arbeitszimmer zu Hause, in dem ich unbehelligt in Pyjamahose am Computer sitzen kann. Ich bin am liebsten allein beim Schreiben – nur mein Hund liegt immer zu meinen Füßen. Ich höre keine Musik und achte darauf, dass in Sichtweite keine auszufüllenden Formulare für die Krankenkasse oder Rücksendescheine für Zara-Pakete liegen.

 

Wann und wo passiert der wichtigste Teil der Arbeit, wo findest du die größte Inspiration? Bei der Arbeit am Schreibtisch oder zufällig – unterwegs, in der Entspannung, auf Reisen, beim Lesen, im Austausch mit anderen Menschen?
Die besten Sachen fallen mir unterwegs ein, zum Beispiel bei Zugfahrten, da entstehen ganze Handlungsstränge zwischen Hamburg und Bremen, einfach beim Aus-dem-Fenster-Schauen. Jede Form von Vor-die-Tür-Gehen bekommt mir gut, auch wenn es nur die Hunderunde ist. Die allergrößte Inspiration finde ich aber am oder im Meer. Oft entsteht die Grundidee für einen Roman deshalb bei einer Reise, die auch direkt den Schauplatz liefert.

 

Wie oft oder leicht kommst du in einen kreativen „Flow“, und was hilft dir am meisten, um diesen Zustand zu erreichen?
Ich wünschte, ich wüsste es. Wenn ich einen sogenannten „Flow“ habe, schreiben sich die Seiten fast von ganz allein. Dann fallen mir die Ideen zu und ich bin gefühlsmäßig ganz in meinem Text. Ich empfinde mich dabei manchmal wie eine Schauspielerin, denn ich muss die Emotionen meiner Figuren wirklich mitfühlen, um die richtigen Worte für sie zu finden. Meine Geschichten sollen die Leserinnen mitreißen und berühren, und dafür muss man auch beim Schreiben in einer gewissen Stimmung sein. Wenn es gelingt, ist Bücherschreiben ein Traum. Leider klappt das nicht immer, der „Flow“ verschwindet irgendwann, von einem Moment auf den nächsten. Plötzlich wird das Formulieren zur Fleißarbeit und ich feile lange an Szenen und Sätzen, bis sie mir gefallen. Alles, was ich tun kann, ist weiterzumachen, bis die Leichtigkeit zurückkommt.

 

Was machst du, wenn nichts klappt – wenn Ideen oder Erfolg ausbleiben oder wenn dir nicht das gelingt, was du dir vorgenommen hast?
Ich habe schon ein gewisses Maß an Scheitern hinter mir und weiß, wie weh es tut. Ich habe über sieben Jahre hinweg zwei vollständige Romane geschrieben und mehrere Ideen entwickelt, die kein Verlag wollte. Ich habe nach meinem ersten Bestseller siebzig Seiten eines neuen Manuskripts geschrieben, von dem ich begeistert war und das meine Lektorin für die Tonne fand. Daraufhin habe ich ganz neu angefangen, hundert Seiten geschrieben und sie drei Monate vor Abgabe weggeschmissen, weil diesmal ich sie für die Tonne fand. Das Buch, das ich daraufhin unter immensem Zeitdruck schreiben musste, denn es war schon fest im Programm eingeplant, gehört bis heute zu meinen liebsten. In diesen Situationen war ich richtig am Boden, teilweise komplett panisch. Aber am Ende ist es immer irgendwie gut ausgegangen, damit versuche ich mich heute in schwierigen Situationen zu beruhigen.

 

Was hilft dir, wenn dein Selbstvertrauen angeschlagen ist (z.B. wegen schlechter Auftragslage, schlechter Kritiken, finanzieller Flaute, schlechter Stimmung)?
Mir hilft es, sonntagsmorgens lange mit meiner Familie im Bett liegen zu bleiben, herumzualbern und mir klarzumachen, was wirklich zählt. Ich neige dazu, Berufliches zu wichtig zu nehmen. Manchmal muss ich mir vor Augen führen: Es ist nur ein Buch. Die Welt geht nicht unter, wenn es nicht jedem gefällt. Trotzdem überkommen mich bei jedem Schreibprozess diese überdramatischen Zustände, in denen ich meine Freundin heulend anrufe und sage: „Diesmal schaffe ich es wirklich nicht.“ Sie seufzt dann tief und antwortet: „Schatzi, das hast du die letzten sieben Male auch gesagt.“

 

Belohnst du dich, wenn du etwas geschafft, ein bestimmtes Ziel erreicht hast?
Ich belohne mich zu selten, ehrlich gesagt. Wenn, dann treffe ich mich mit Freund*innen oder unternehme was Schönes mit meinem Mann und meinem Sohn. Es tut mir gut, aus dem Haus zu kommen, die Pyjamahose gegen nettere Klamotten zu tauschen, mit anderen Lebewesen zu sprechen als mit meinem Hund. Ich vermute, Leute, die mich nur von Instagram oder Lesungen kennen, sind jetzt vielleicht erstaunt, weil ich dort immer in hübschen Blümchenkleidern zu sehen bin – meiner Lesungsuniform, wie ich sie nenne. Alle, die mich aus dem Alltag kennen, etwa die Freundin, mit der ich oft mit den Hunden spazieren gehe, lachen sich kaputt über meine Fotos von Veranstaltungen, weil sie wissen, wie ich nachmittags im Stadtpark aussehe.

 

Vertraust du auf den Rat anderer oder auf Ratgeber-Literatur? Gibt es Bücher, die dir geholfen haben, Mut zu finden auf deinem künstlerischen Weg?
Sol Steins „Über das Schreiben“ hat mich einen großen Schritt weitergebracht als Autorin. Das Buch, das ich nach der Lektüre geschrieben habe, war mein Durchbruch. Heutzutage vertraue ich auf die Ratschläge befreundeter Kolleg*innen, meiner Lektorin und meiner Agentin. Ich habe das Gefühl, durch ihre Anmerkungen bei jedem Roman wieder etwas hinzuzulernen.

 

Wie viel bedeutet die Anerkennung deiner Kunst durch andere? Was ist die beste Form der Anerkennung?
Bei jedem neuen Buch fürchte ich, dass es die Leserinnen nicht mögen könnten. Wenn die ersten positiven Rückmeldungen kommen, bin ich sehr erleichtert. Das ist die gute Seite von Social Media: Ich bekomme dort viele nette Nachrichten von Menschen, denen meine Bücher etwas bedeuten. Auch freundliche Mails schreiben mir meine Leserinnen, manche sogar handgeschriebene Briefe, die meine Agentur oder mein Verlag mir weiterleiten. Am schönsten sind aber die persönlichen Begegnungen bei Lesungen. Manchmal kommen junge Frauen mit ihrer Mutter und ihrer Oma zusammen, dann stehen alle drei vor mir und sagen mir, dass sie meine Geschichten lieben und sich darüber austauschen. Oder die Leserin, die mir sagte, dass sie jahrelang Schlafprobleme hatte, bis sie anfing, meine Romane vorm Zubettgehen zur Hand zu nehmen – sie haben ihr ein so gutes Gefühl vermittelt, dass sie wieder schlafen konnte. Solche Rückmeldungen bedeuten mir viel.

 

Wovor hast du Angst?
Vor Bahnstreiks. Denn ich komme nur in absoluten Ausnahmefällen mit dem Auto zu Lesungen, weil ich so ungern fahre.

 

 

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@meike.werkmeister