Die Mücken
Die Wettervorhersage war eine Katastrophe. Schlimmer noch: die Mücken-Vorhersage. Auf der Karte einer entsprechenden App ließ sich ablesen, dass ausgerechnet im äußersten Nordwesten der schottischen Highlands, wo wir wandern gehen würden, für die Dauer der gesamten Woche Level 4 vorausgesagt wurde. Die Skala reicht von 1 (keine oder kaum Mücken) bis 5 (man kann nicht vor die Tür). Level 4 wird beschrieben mit „That’s not mist, that’s midges!“ – das ist kein Nebel, das sind Mücken. Midges, zur Gattung der Culicoides gehörend und auf Schottisch auch „wee beasties“ genannt, kleine Biester, sind winzige Stechmücken, die meist in großen Schwärmen auftreten und, anders als Moskitos, keine Rüssel haben, sondern sich mit kleinen, gezackten Mundwerkzeugen in die menschliche Haut beißen und starken Juckreiz verursachen. Sie lieben hohe Luftfeuchtigkeit, Temperaturen über 10 Grad, Regen und Schatten, aber weder Sonne noch Wind. Bereits eine leichte Brise von 11 km/h macht die Viecher flugunfähig.
Interessanterweise warnte uns nicht nur die App, sondern ebenso unser gesamtes Umfeld. Ob wir uns der Gefahren bewusst seien? Ausreichend vorgesorgt hatten? Wir hätten uns doch auch fürs Mittelmeer entscheiden können? Das Verrückte war – ich habe in Schottland studiert und bin auch später viele Male dort gewesen. Von den Midges hatte ich gehört, allerdings nur in der Theorie. Inzwischen jedoch schien alles anders und die Gefahr konkret zu sein. Unwillig gaben wir der Alarmstimmung nach und wappneten uns. Wir kauften vier verschiedene Sorten Mückenspray, von BiteAway über NoBite und Insect Repellent bis Anti-Brumm, außerdem eine Lotion zum Behandeln der Stiche, ein engmaschiges Spezialnetz für den Kopf, eine Kappe sowie helle, mückenabweisende Kleidung.
Derart ausgerüstet trafen wir im Hotel ein, wo unser Blick als Erstes auf ein Regal fiel, das mehrere Sorten von Mückenspray bereithielt. Unser Zimmer war sehr hübsch und bot eine unschlagbare Sicht auf einen dunklen und geheimnisvoll glitzernden See, der als kleiner Bruder von Loch Ness durchgehen könnte. Davor kauten puschelige Hochlandrinder Gras, im Hintergrund erhoben sich schweigend und majestätisch die Highlands. Allerdings roch es im Zimmer ein bisschen muffig, fast so, als sei sehr lange nicht gelüftet worden. War es auch nicht, wie sich herausstellte. Man bat uns, die Fenster auf jeden Fall geschlossen zu halten – wegen der Mücken.
Etwas ängstlich begaben wir uns am nächsten Morgen auf unsere erste Wanderung. Die Luft war herrlich frisch und roch nach blühender Heide, die Sonne schien, über Stunden begegneten wir keinem einzigen Menschen. Und auch keiner einzigen Mücke.
Weil sich dies für die Dauer der gesamten Woche nicht ändern sollte, kamen mir Zweifel an den schrillen App- und Unkenrufen. Gab es die Mücken am Ende gar nicht? Handelte es sich um eine fein ausgeklügelte Kampagne, damit Camper fern- und die Highlands einsam blieben? Falls ja, muss man sagen: Spitzenkampagne. Andererseits klingen Nachrichten wie die, dass der schottischen Forstwirtschaft aufgrund der Mückenplagen jeden Sommer 20% der Arbeitstage flöten gehen und sich die Einbußen im Tourismus auf 268 Millionen Pfund belaufen, irgendwie zu dramatisch, um erfunden zu sein.
Ungeöffnet ist mein Anti-Brumm bis 2029 haltbar. Eventuell müssen wir bis dahin noch ein paar Forschungsreisen durchführen.
> F.A.S., 05.07.2026