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Liebling, wer hat die Sprache verhunzt?

Ein Satz, mit dem ich meinen Mann zuverlässig in den Wahnsinn treiben kann, lautet: Der Duden lässt beides zu. Als Naturwissenschaftler ist er empirische, messbare Daten gewohnt und hat gegenüber fehlender Eindeutigkeit nur geringe Toleranz. Die Doppelhelix-Struktur der DNA – klare Sache, da brauche ich ihm nicht mit zwei möglichen Pluralformen des Wortes „Wrack“ zu kommen oder damit, dass „wegen dem Wetter“ als umgangssprachliche Variante auch erlaubt ist. Ich hingegen finde Zweifelsfälle reizvoll, also abgesehen von jenen natürlich, die durch die Rechtschreibreform verursacht wurden, denn damit wurde mir damals mein Steckenpferd Nummer eins genommen. Früher wusste ich im Schlaf, wie man Wörter wie „zugrunde gehen“ schreibt, heute habe ich keine Ahnung, zugrundegehen, zugrunde gehen oder zu Grunde gehen? Rad fahren oder radfahren, desweiteren oder des Weiteren, pieksen oder piksen? Muss ich alles nachschauen, immer wieder.

Auch vor der Rechtschreibreform wurde vieles nachgeschaut, und das klassischste aller Nachschlagewerke gehörte in vordigitaler Zeit in den meisten Haushalten so selbstverständlich zum Inventar wie Löffel oder Stühle. In der Regel war der Rechtschreibduden mit der Zeit abgegrabbelt und speckig, was sicherlich für kaum irgendwelche Exemplare der neueren Auflagen gilt, sofern sie – physisch – überhaupt noch in Gebrauch sind. Denn während die Stichwortzahl immer weiterwächst – von 27.000 Einträgen im sogenannten „Urduden“ von 1880 auf 151.000 in der aktuellen 29. Auflage von 2024 – dürfte die Auflage in den letzten Jahren erheblich gesunken sein. Und langsam mache ich mir Sorgen um meinen geliebten Duden. Wie lange wird es ihn noch geben?

Natürlich ist es müßig, diese Frage in digitalen Zeiten zu stellen. Wir können woanders nachschauen, wie das Tyrrhenische Meer geschrieben wird, wir können die Duden-App oder die Website benutzen, wir können googeln oder die KI fragen, die ihr Wissen ja wiederum auch aus den einschlägigen Standardwerken bezieht, und außerdem haben wir Autokorrektur. Aber abgesehen davon, dass die App wenig Spaß macht, die Website unübersichtlich ist und Autokorrektur aus Burger King gern mal Bürgerkrieg macht, geht meine Sorge eigentlich tiefer, und das nicht nur aus sentimentalen Gründen (denn ein bisschen hänge ich an dem gelben Klotz).

Langsam nämlich komme ich in das kritische Alter, in dem man anfällig wird für das Beschönigen des Vergangenen und die als Skepsis getarnte Angst, nicht mehr mitzukommen. Damals! Damals haben wir noch Zierränder in unsere Schulhefte gemalt, wir haben ordentlich mit der Hand zu schreiben gelernt, selbstverständlich mit Füller und Tinte, wir haben Schönschrift geübt und unablässig Aufsätze und Diktate geschrieben. Damals wussten wir einfach noch, was das ist: gutes Deutsch. Wie man schreibt. Wie man spricht. Wie man den Duden benutzt. Heute erhält man E-Mails, die mit „Moin“ oder „Hallo“ beginnen (gefolgt von „ich“), Kurznachrichten in durchgängiger Kleinschreibung oder voller Abkürzungen (iwie, eigentl, viellt, lol, LG), Emojis und GIFs, man bekommt Sprachnachrichten von der Länge ganzer Podcasts, und selbst Medien großer Verlagshäuser erinnern nicht mehr die reflexive Konstruktion von erinnern. Skandal! Hinzu kommt die haltlose Anglizismisierung unserer Sprache, wir realisieren Challenges, sliden in Chats, wählen random irgendwas aus, sehen einen Punkt, droppen Namen und Neuigkeiten, und wie sind wir eigentlich je ohne das Wort Gamechanger ausgekommen?

Dass Wörterbuchredaktionen und der Rat für deutsche Rechtschreibung überhaupt die Kraft aufbringen, sich mit der rasant ändernden Sprache zu beschäftigen und regelmäßig neu zu entscheiden, welche Wörter neu aufgenommen werden, welche Konstruktionen erlaubt und wie Wörter wie „canceln“ im Deutschen zu konjugieren sind, finde ich absolut bewundernswert. Auf gewisse Weise finde ich es allerdings auch vergeblich. Steht dieser Aufwand noch in irgendeinem Verhältnis? Kann es in dieser sich mit Lichtgeschwindigkeit verändernden Sprachwirklichkeit – in der ja nicht nur Anglizismen eine Rolle spielen, sondern ebenso globale Technologiestandards, soziale Medien, Fach- und Businessjargons, Klima- oder Genderdebatten – überhaupt noch echte Autoritäten geben, stabile, verlässliche und verbindliche Regelwerke? Lohnt sich der Kampf ums Gendersternchen, wenn übermorgen vielleicht eine ganz neue Variante gebräuchlich sein wird? Wird man in einem halben Jahr noch wissen, dass ein Meme namens „6-7“ (Six Seven) um die Welt ging und alle Erwachsenen verrückt machte? Werden sich „nerdig“, „Vibe“ und „Framing“ im Duden halten? Wird es sich gelohnt haben, „Klimakleber“ in die neue Auflage aufzunehmen, nachdem die Letzte Generation (die sich mittlerweile Neue Generation nennt) das Festkleben im öffentlichen Raum als Haupttaktik aufgegeben hat? Und wer trauert im Gegenzug „bedünken“ hinterher? Denn es werden ja nicht nur Wörter hinzugefügt – in der letzten Auflage ca. 3.000 –, sondern auch gestrichen (zuletzt ca. 200). Dass einige Einträge keine zwei Auflagen erleben (wie beispielsweise „UMTS-Handy“), zeigt, wie flüchtig eine Dudenkarriere sein kann. (Wobei, auch das sei angemerkt, Duden-Eintagsfliegen nicht ausschließlich einem beschleunigten lexikalischen Wandel geschuldet sind, sondern ebenso einer veränderten Wörterbuchpraxis: Seit der Digitalisierung seiner Korpora in den 2000ern arbeitet der Duden viel stärker datengetrieben und deskriptiv als früher.)

So natürlich und interessant ich sprachlichen Wandel finde und so gern ich einen persönlichen Beitrag leisten würde durch das Implementieren weiterer herrlicher englischer Wörter (flabbergast, brouhaha!), und obwohl ich selbst dem Reiz von Emojis erlegen bin (Zwinkersmiley) –, so sehr fürchte ich gleichzeitig den Verlust der vertrauten Instanz. Mag sein, dass es mit dem bereits erwähnten kritischen Alter zu tun hat. Je schneller sich Welt und Sprache drehen, desto größer die Sehnsucht nach Orientierung und Halt, kurzum: nach dem gelben Ziegel, in dem sich dieses Kompassversprechen so wunderbar zu manifestieren schien.

In ihrem Vorwort zur 29. Auflage argumentiert die Duden-Redaktion, dass wir den Duden mehr denn je zur Verständigung brauchen, was vielleicht sogar stimmt, und zweifellos wird es in bestimmten Kontexten – Wissenschaft, Recht und Verwaltung, Sicherheit – immer (oder zumindest noch sehr lange) verbindliche und normative Regelwerke geben. Doch ob gedruckte Wörterbücher insgesamt künftig mehr sein können als sorgfältig kuratierte Nachschlagewerke, die höchstens einen Ausschnitt abbilden aus einer viel größeren, unüberschaubaren, ephemeren Sprachwirklichkeit? Ob der Duden weiterhin eine Autorität darstellen wird, ein verpflichtendes Referenztool, anerkannt auch von den Generationen Z, Alpha und demnächst Beta? Da habe ich meine Zweifel.

Doch da ich mich eingangs für den Zweifel ausgesprochen habe: Vielleicht liegt ja auch eine Chance in der neuen Unübersichtlichkeit. Denn machen wir uns nichts vor: „Gutes“ Deutsch, Schönschreiben und Richtigschreiben sind spätestens seit dem 19. Jahrhundert auch soziale Distinktionsmerkmale, sie sind Zeichen von Bildung und Milieuzugehörigkeit und markieren einen akademischen oder kulturellen Status. Ist der jugendliche Verwandte, der eine unleserliche Handschrift hat, keine Kommasetzung beherrscht und „iwie“ schreibt, automatisch döfer (bzw. doofer) als alle Prä-Millennials, denen der Rechtschreibduden noch vor der Bibel geschenkt wurde und die mit Leitsätzen groß wurden wie „Wer ‚brauchen‘ nicht mit ‚zu‘ gebraucht, braucht ‚brauchen‘ gar nicht zu gebrauchen“? Nein. Vor allem hat er völlig andere Kompetenzen, von denen ich nur träumen kann. Vielleicht also wird mit wachsendem Chaos auch größere Vorurteilsfreiheit einhergehen. Vielleicht wird in Zukunft ein nicht fehlerfreies Bewerbungsschreiben nicht direkt aussortiert werden. Vielleicht ist es wirklich nicht so wichtig, ob wir „gelikt“ oder „geliked“ schreiben, solange wir verstanden werden. Vielleicht werden Zweifelsfälle in Zukunft die Norm sein.

Lustigerweise hat es das Zwinkersmiley in den Duden geschafft – als Wort. Nicht als Emoji und als Zweifelsfall höchstens insofern, als das Genus maskulin oder neutrum sein kann. Der einzig wahre Zweifel ist der, wie lange es sich halten wird.

> F.A.Z., 21.05.2026