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Der Leuchtturm

Es gibt diese Beziehungen, die einfach nicht gelingen wollen. Sosehr man es sich wünschen mag, der Funke springt nicht über, kein Warmwerden, keine Leidenschaft, jedes Date ein Fail. So läuft es zwischen Spanien und mir, immer schon. Es fängt bei der Sprache an, geht über Paella und Flamencomusik bis zu Dalí oder Gaudí, nichts davon zieht mich an. Dennoch gebe ich der Beziehung alle paar Jahre eine neue Chance, denn mir will nicht in den Kopf, warum es ausgerechnet zwischen mir und dem beliebtesten Auslandsreiseziel der Deutschen nicht funkt. Mein jüngster Versuch zur Rettung der Beziehung führte mich auf die Kanaren. La-Palma-erfahrene Freunde hatten uns den Frühling versprochen, Wärme, Licht und laue Winde, mitten im deutschen Winter! Außerdem Pinien- und Lorbeerwälder, Vulkanberge, Naturschwimmbecken und einen superklaren Sternenhimmel – diese Insel klang zu schön, um wahr zu sein. Diesmal konnte nichts schiefgehen, ich war sicher.

Bis etwa zwölf Minuten nach der Ankunft. „You have to come in summer. Summer is better“, sagte der Mann von der Autovermietung, als ich skeptisch nach draußen schaute in den grauen Himmel und die sich im Wind biegenden Palmen. Die vierzigminütige Fahrt zu unserer Unterkunft führte über kurvenreiche, steile Straßen durch eine zunächst unwirklich grüne Landschaft hinein in Bananenplantagen. Bananenplantagen, die von riesigen, weißen, oft zerrissenen Planen bedeckt und von scheußlichen Mauerwerken durchzogen waren. Je weiter wir uns unserer Bleibe näherten, desto scheußlicher wurde die Umgebung. Als wir ankamen, hatte sich der Himmel gänzlich zugezogen und es begann zu regnen. Ich fror. Natürlich waren auch alle Restaurants geschlossen. Dies war der Moment, in dem ich die früheste Rückflugmöglichkeit eruiert hätte, wäre unser Domizil nicht so außergewöhnlich gewesen. Von einem Aufenthalt in einem Leuchtturm hatte ich zu lang geträumt, um mich jetzt von Regen oder Kälte abschrecken zu lassen.

Der Faro de Punta Cumplida zählt zu den ältesten Leuchttürmen Spaniens, er wurde 1857 in Betrieb genommen und dient bis heute als nautisches Seezeichen, das alle fünf Sekunden ein etwa 23 Seemeilen weit reichendes weißes Licht sendet. Die Arbeits- und Vorratsräume der ehemals drei sich abwechselnden Wärter am Fuß des 34 Meter hohen Turms wurden ab 2017 umgebaut und dienen heute als eine Art Minihotel. Natürlich war die Idee, tagsüber durch duftende Lorbeerwälder zu wandern und nachts im Leuchtturm zu schlafen, doch da sich das Wetter in den folgenden Tagen nur insofern änderte, als dass Wind und Regen stetig zunahmen, begruben wir den Traum vom Frühling und machten den Turm zu unserer Festung. Wir verließen ihn quasi überhaupt nicht. Am schönsten waren die Nächte: Im Bett zu liegen, während Wind und Wasser aus allen Richtungen um den Turm peitschten und ein heller Lichtkegel mit beruhigender Regelmäßigkeit vor dem Fenster vorbeihuschte, war absolut einzigartig. Noch besser, ich merkte nicht einmal, dass ich in Spanien war! Jeden Abend stellte ich mir vor, der Leuchtturm stünde auf einem sturmumtosten Kliff im äußersten Nordwesten Schottlands, ohne eine einzige Bananenstaude weit und breit, und war glücklich. Die Idee einer gelingenden Beziehung mit Spanien werde ich mir für immer abschminken. Aber eine große Liebe reicht ja auch.

> F.A.S., 22.02.2026